Der frühere Intendant und Festivalmacher Dr. Manfred Beilharz hat seinen beruflichen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden geschenkt. Bei einer Unterzeichnung im Kulturdezernat am Schillerplatz nahm Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl die Schenkung am 22. Januar stellvertretend für das Stadtarchiv entgegen. Rund dreißig Kisten mit Dokumenten und Bildmaterial sollen in den kommenden Wochen in das Archiv überführt werden.
Vertrag unterzeichnet und Bestand beschrieben
Die Übergabe erfolgte mit der Unterschrift des Schenkungsvertrags. Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Peter Quadflieg, war bei der Unterzeichnung zugegen. Erste Kontakte zwischen Beilharz und dem Stadtarchiv gab es bereits 2019. Der Nachlass umfasst unter anderem Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungszeichnungen, Briefe und sonstige Korrespondenzen sowie Presseausschnitte. Quadflieg betonte, dass der Wert des Bestandes gerade in der Kombination aus lokalem Wirken in Wiesbaden und den zahlreichen internationalen Aktivitäten bestehe.
Neun Umzüge und mehr als fünfzig Jahre Theaterarbeit
Beilharz blickt auf eine mehr als fünfzigjährige Laufbahn im Theater zurück. Nach seinem Studium der Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft sowie einer Promotion in Theater- und Urheberrecht begann er als Regieassistent an den Kammerspielen in München. 1967 übernahm er Funktionen als Oberspielleiter und Chefdramaturg am Westfälischen Landestheater in Castrop Rauxel. Seine erste Intendanz führte ihn im Alter von 30 Jahren nach Tübingen.
Weitere Stationen waren Freiburg, Kassel und Bonn. In Bonn war Beilharz von 1991 bis 2002 zunächst Intendant des Schauspiels und ab 1997 Generalintendant des zusammengeführten Theaterbetriebs der Stadt. Zahlreiche Produktionen aus Bonn wurden zu Einladungen nach Berlin zum Theatertreffen geführt. 2002 wechselte er zum Hessischen Staatstheater Wiesbaden, das er mehr als ein Jahrzehnt prägte. Nach dem Ende seiner Tätigkeit in Wiesbaden zog er 2014 nach Düsseldorf und später zurück nach Wiesbaden, wo er heute lebt.
Internationale Festivals und Engagements
Beilharz war nicht nur Theaterleiter, sondern auch Festivalgründer und international vernetzt. In Bonn gründete er 1992 gemeinsam mit Tankred Dorst die Biennale Neue Stücke aus Europa, die in Wiesbaden fortgeführt wurde und als wichtiges Forum für Gegenwartsdramatik gilt. Bereits 1976 initiierte er das Theaterfestival Freiburg, zur documenta 8 in Kassel 1987 das Festival Spielräume und 1990 das Festival Theater im Aufbruch mit Fokus auf sowjetisches Theater nach Perestrojka und Glasnost.
Seit 1993 gehört Beilharz dem Internationalen Theaterinstitut der UNESCO an. Von 2002 bis 2008 war er Weltpräsident dieser Institution und ist heute Ehrenpräsident. Zudem lehrte er unter anderem an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und an der Johannes Gutenberg Universität Mainz.
Auszeichnungen und besondere Erinnerungsstücke
Für sein Wirken wurde Beilharz mehrfach ausgezeichnet. Zu den Ehrungen zählen das Bundesverdienstkreuz am Bande, der Stanisław Ignacy Witkiewicz Preis, die Goethe Plakette, der Hessische Verdienstorden und die Ehrenplakette der Landeshauptstadt Wiesbaden.
Ein persönlich bedeutsames Objekt aus dem Nachlass ist ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn. Es war ein Geschenk der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, nach einer gemeinsamen Produktion von Wozzeck, die Beilharz 2003 in Wiesbaden eröffnete und 2005 in Tel Aviv inszenierte. Die Produktion wurde dort unter anderem unter der musikalischen Leitung von Asher Fisch 14 Mal in drei Wochen gespielt.
Bei der Vertragsunterzeichnung sorgte der 87 Jahre alte Vorlassgeber für einen heiteren Moment, als er das Instrument kurz erklingen ließ. Zugleich äußerte Beilharz nachdenkliche Worte zur aktuellen politischen Lage in Russland, Europa und Israel und sprach die Hoffnung auf einen Neuanfang und verstärkte internationale kulturelle Begegnungen aus.
Das Stadtarchiv Wiesbaden wird den Nachlass aufnehmen und die Bestände für Forschung und Nachwelt sichern. Die Dokumente sollen künftig Forschenden Einblicke in eine Theaterkarriere ermöglichen, die sich durch regionale Verwurzelung und internationale Vernetzung auszeichnet.
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